Hintergrund:

Spätestens seit 2015 wird zurecht Kritik am Kühne&Nagel Konzern und seinem Mehrheitseigner Klaus-Michael Kühne geäußert, weil der Konzern und Kühne selbst eine zögerliche und mangelhafte Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der NS-Zeit betreiben. Kürzlich hat u.a. Lukas Betzler diese Kritik in seinem Artikel Kühne+Nagel: Logistiker des NS-Staats auf untiefen.org deutlich gemacht und in weitere Zusammenhänge gesetzt.

Im Zusammenhang mit diesem Artikel trat untiefen.org u.a. mit folgender Frage an die Nominierten des Klaus-Michael-Kühne-Preis heran: „Doch fragen wir uns – und Sie: Wenn die öffentliche Ablehnung des Preises keine sinnvolle Option ist, was könnten dann alternative Wege sein, mit dem problematischen Hintergrund des Preises und seines Stifters dennoch Umgang zu finden?“ (Zitat aus der veröffentlichten Stellungnahme des Nominierten Domenico Müllensiefen)

In der Folge sagten die zwei Autor:innen Franziska Gänsler  und Sven Pfizenmaier ihre Teilnahme am Festival ab. So wurde ich als „Nachrücker“ in den Wettbewerb eingeladen  und nahm diese Einladung an.

 

Stellungnahme:

Meine Entscheidung die Einladung in den Wettbewerb des Debütantensalons des Harbourfron Literaturfestivals anzunehmen, ist eine direkte Antwort auf die oben von untiefen.org gestellte Frage: „Wenn die öffentliche Ablehnung des Preises keine sinnvolle Option ist, was könnten dann alternative Wege sein, mit dem problematischen Hintergrund des Preises und seiner Stifters dennoch Umgang zu finden“. Ich denke, es gibt andere Wege als den Rückzug, der – so ehrenhaft und nachvollziehbar er ist – nicht nur den Stifter trifft, sondern auch einen großen Verlust für die Künstler:innen, das Festival und auch die Besucher bedeutet. Ist es nicht gerade im Fall des Debütantensalons falsch, die seit langem bekannte Diskussion über den Stifter des Preises die ganze Aufmerksamkeit für den Wettbewerb, die Werke und ihre Inhalte überlagern zu lassen?

Ich bin davon überzeugt, dass ein jährlich vergebener Preis, der an eine konkrete Person, wie Herrn Kühne, gebundenen ist, eine Verpflichtung des/der Stifter:in schafft, die weit über das gestiftete Geld hinaus geht. Dieser Zusammenhang ermöglicht es jährlich der ganzen Gesellschaft, dem Festival, den Nominierten und der Jury diesen Anlass wahrzunehmen um, wenn nötig – immer wieder – sich zu genau dieser Person zu verhalten und Themen wach zu halten, die problematisiert werden müssen. Zahlreiche Preisträger anderer Preise haben die Preisverleihungen und überhaupt die Aufmerksamkeit um die Wettbewerbe genutzt um Kritik am Veranstalter, Stifter:innen und Institutionen zu üben, oft mit großer Wirkung.

In diesem Sinne habe ich mich entschieden, falls ich den Wettbewerb gewinnen sollte, das Geld an den Verein Opferperspektive e.V. zu spenden. Diese Perspektive einzunehmen, wäre ein erster richtiger Schritt für Konzern und Führung auf dem Weg zu einem adäquaten Umgang mit der Firmengeschichte im NS-Staat.

Und ich appelliere an Herrn Kühne und den Konzern Kühne & Nagel ihrer Verantwortung durch die Rolle der Firma in den Verbrechen des NS-Staates nachzukommen und ihre Geschichte von unabhängigen Historikern aufarbeiten zu lassen.

 

Benjamin Heisenberg